Kiddycoach - Gerhard Spitzer
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Brauchen wir Legasthenie?

Blog, Erziehung, Kolumnen

Unser Kolumnist, Heilpädagoge Gerhard Spitzer, betrachtet „Schwächen“ aus dem bewährten Blickwinkel der Kinder.

Jede Schwäche ist bloß der Widerhall einer Stärke
Jean Piaget

Schwächen erlaubt?

Begriffe wie „Legasthenie“, „Dyskalkulie“, oder die immer mehr um sich greifende „Lese-Rechtschreibstörung“ (LRS), neuerdings durch das etwas sperrige Wort „Dyslexie“ ersetzt, sind überall in der Schweiz umgangssprachlich durchaus präsent. Vor allem der beliebte Rundumschlag gegen nicht funktionierende Kids, namens „Legasthenie“ lässt sehr wahrscheinlich tief in den Allermeisten von uns augenblicklich Begrifflichkeiten, wie „Störung“, „Defizit“ oder einfach nur „Schwäche“ aufmarschieren.

Soweit, so gut! Störungen sind ja noch huldvoll erlaubt! Defizite auch! Für solcherlei haben wir ja schon ausreichend pharmazeutische Mittelchen zur Hand, die zwar allesamt nicht heilen können, aber immerhin die Symptome lindern; a.k.a. „verbergen“. Gut so! Es soll wohl so sein!

Aber Schwächen? Vielleicht auch noch allzu menschliche? Nein, liebe Leut´! Die sind heutzutage nicht erwünscht. Heute überlebst du nur, wenn du annähernd makellos bist, oder besser gesagt: Wenn du makellos funktionierst! Punktum!

Doch für Steffen, die dreizehnjährige Pia und mich fängt´s an diesem Punkt grade erst an!

Jetzt kann ich nämlich endlich anfangen, mit den Augen wenigstens zweier betroffener Kinder zu schauen…

Gut genug?

Der neunjährige „lese- und rechtschreibschwache“ Steffen aus Rapperswil muss, weil offiziell als solcher zertifiziert, pünktlich bei seinem wöchentlichen Legasthenie-Training einchecken. Damit ist´s aber noch nicht getan: Einmal im 14-tägigen Rhythmus hat er einen verordneten Termin mit einer Ergotherapeutin. Alternierend dazwischen macht er seine Aufwartung bei einem Kleingruppen-Stündchen zwecks „Sensorischer Integration“!

Ist doch gut, wenn man bei solch schweren Defiziten so umfassend betreut wird, oder? Schließlich wird ja davon ausgegangen, dass Legasthenie so etwas wie eine „falsche Verschaltung“ in der Nähe des Hippocampus wäre, jenem Gehirnareal, das für Langzeiterinnerungen zuständig ist. Steffens allein erziehende Mama, Vroni, ist jedenfalls sehr zufrieden und Steffens Lehrer sind jetzt auch viel beruhigter. Dabei scheint es mir beim Blick auf die Schulhefte, als ob gute Bub aktuell auch nicht viel schöner schriebe, oder signifikant „richtiger“, als früher!

Aber das macht anscheinend jetzt nichts mehr! Offenbar denken jetzt Alle: „Es wird schon werden, mit so einer professionellen Begleitung!“ Zufriedenheit allenthalben!

Steffen allerdings wirkt im Einzel-Gespräch alles andere als zufrieden, ja sogar ein wenig traurig.
Beim ersten Spaziergang zwischen den Gärten stellt der Junge dann kurz und bündig fest: „Weisch? I bsuacha do en Kurs! Abr i bin sowieso nia gued genug für mei Mama!“

Noch Fragen?

Nachteilsausgleich?

Bitte verstehen Sie mich an dieser Stelle nicht miss! Ich plädiere nicht dafür, nützliche Hilfestellungen auch aus medizinischer / therapeutischer Sicht zu reduzieren. Gut, dass es diese gibt, um manch einen massiven Leidensdruck zuweilen aufzufangen. Aber aus Sicht des Heilpädagogen darf und muss ich zur Achtsamkeit aufrufen! Es sollte nicht geschehen, dass für manche Kinder jener Leidensdruck erst verursacht wird, der dann im Zuge des Nachteilsausgleichs um jeden Preis „behandelt“ werden muss. Steffen und zahllose andere Kinder haben durchaus das Recht, auch bei weniger gutem Schrift-und Rechtschreibbild „gut genug“ für Ihre liebsten Bezugspersonen sein zu dürfen. Oft ist das alleine schon Heilprozess genug für kleine „LRS-ler“.

Klar: Kinder beschweren sich nur selten über „heilsame“ Programme, die ihre Bezugspersonen für sie fahren. Deshalb empfehle ich an dieser Stelle, liebevoll-klärende Hinweise: „Mein Schatz! Du bist mit und ohne Kurs gued genug für mich!“

Baden in Sprache, Früher

Pia aus Zürich ist schon immer ein Plappermäulchen gewesen! Schon als Vierjährige hat sie endlose „geheime Geschichten“ kreiert. Oft stundenlang hat sie diese den zuweilen genervten Eltern rezitiert. Auch eine bis heute unentschlüsselt gebliebene „Elbensprache“ hat sie erfunden. In Sprache und Lauten badet sie bis heute. Bis zu ihrem neunten Lebensjahr – dem Jahr, als sie mir vorgestellt worden ist – hat sie sich allerdings beharrlich geweigert, „rechtzuschreiben“, oder überhaupt, sich besonders viel schreibend zu betätigen.

Den damals verzweifelten Eltern habe ich dazu geraten, die kleine Elbin lieber wieder in ihren Geschichten versinken zu lassen, anstatt sie unter „schriftlichen Druck“ zu setzen. Statt Schreib-Funktionstraining habe ich zu auditivem Genuss geraten: Pia hat ab diesem Zeitpunkt endlos Hörbücher genießen, nacherzählen, nacherleben dürfen und tut dies heute noch mit Begeisterung.

Mit strahlenden Augen habe ich die damals schon Zehnjährige von gar wundersamen Dingen erzählen hören! Großartig! Kreativ! Sprachlich wunderbar geheimnisvoll. Jemand hätte in dieser Zeit vielleicht mitschreiben sollen. Ein Fantasy-Dreiteiler von der jüngsten Schweizer Autorin der Geschichte. Das wäre wohl ein Bestseller geworden. Verzeihung, liebe Freunde von FAMILIENSpick, ich bin ein wenig ins Schwärmen geraten und jetzt auch schon fertig!

Leben mit Sprache, Heute

Pia ist heute 13 Jahre alt und schreibt gerne und viel. Aktuell am Liebsten in Reimen! Und siehe da: Dortselbst tauchen kaum noch Rechtschreibfehler auf Ein Wunder? Nein, nur das vorangegangene, geduldige Zulassen der eigentlichen „Hingabe“ eines Kindes an die gesprochene, intensiv gelebte Welt der Sprache, nicht die Welt der Schrift. Für manch ein junges Wesen kann ein ganzes Universum dazwischen liegen!

Achtet auf die kindlichen Hingaben, aber auch auf die kindlichen Weigerungen.
James Hillman (Charakter und Bestimmung)

Eingesargte Sprache?

Klar wollen alle Eltern, dass ihre Kinder zu einem ganz bestimmten Zeitpunkt ganz bestimmte Schriftzeichen beherrschen. Schön und gut! Aber wir sollten dabei bitte nicht vergessen, dass auch unsere hübschen, „As“, „Bs“ und „Cs“ bloß irgendwann von jemandem erfundene Symbole sind.

Der große, immer aus dem Blickwinkel der Kinder schauende Rudolf Steiner hat unsere Schrift deshalb einmal, die „Welt der eingesargten Sprache“ genannt, und damit klar postuliert, dass man Kinder eigentlich Zeit lassen müsse, bis sie wirklich dazu bereit seien, dieses spezielle Schriftbild als das ihre anzunehmen. Druckvolles Beibringen ist dabei eher hinderlich und bringt zahllose Eltern nur allzu oft auf einen letzten Ausweg: Therapie. Der Kreis hat sich geschlossen.

Schlussplädoyer

Die Praxis hat Erstaunliches gezeigt: Die Diagnose Legasthenie trifft verblüffend häufig jene Kinder, welche man als „sprachlich überdurchschnittlich begabt“ bezeichnen kann! Regt das nicht zum Nachdenken an? Ich hoffe es jedenfalls von Herzen! Gerade diese großen Geister können sich oftmals auffallend lange nicht mit unseren selbstgemachten Schriftzeichen abfinden. Vielleicht einfach deshalb, weil sie völlig unbewusst schon lange ihre ganz eigenen Symbole kreiert haben? Wer weiß? Daher meine ich, dass in vielen Fällen die nur allzu oft gehörte Aussage: „Mein Kind wird nie ordentlich schreiben lernen!“ überdacht werden darf!

Das Einigen auf die gleichen Symbole muss lustvoll erfolgen, so, wie ich es bei Pia habe erleben dürfen. Irgendwann hat die pfiffige Elbin offenbar gespürt, dass sie so sein darf, wie sie ist. „Gut genug“, eben! Deswegen hat sie dann auch sehr gerne und sehr schnell den viel besungenen „Anschluss“ an die Anderen gefunden!

Sollten auch Sie vielleicht irgendwann Gelegenheit haben, Ihr Kind darin zu fördern, wofür es sprachlich wirklich „brennt“, dann tun Sie es bitte und verlieren Sie dabei ruhig ein wenig Zeit!

Sie werden es mögen!

In der Kindererziehung sollten wir lernen, Zeit zu verlieren, um Zeit zu gewinnen.
Jean-Jaques Rousseau

Gerhard Spitzer
Gerhard Spitzer

FH Doz. Ing. Gerhard Spitzer

FH Doz.Gerhard SPITZER ist Dipl. Lebens- u.Sozialberater, Verhaltens- Pädagoge, Eltern- Trainer und Gastdozent für Lehrerfortbildung an den Pädagogischen Hochschulen Wien, Graz und Linz, sowie an den Katholischen Pädagogischen Hochschulen KPH- Wien und Innsbruck.
Gründer und pädagogischer Leiter des Vereins Kiddy-Coach (Erziehungsberatung und Eltern- Coaching).

Seit 30 Jahren ist Gerhard Spitzer intensiv in der außerschulischen und schulischen Jugendarbeit tätig, davon 18 Jahre in der Betreuung „verhaltenskreativer“ Kinder und als pädagogischer Leiter in diversen Krisen-Einrichtungen der Stadt Wien und verschiedener Hilfsorganisationen.

Bekannt geworden ist Gerhard Spitzer durch seine Radio- und TV- Auftritte als Erziehungsexperte für „Entspanntes Erziehen“ im In- und Ausland, durch viele öffentliche Vorträge, durch sein erfolgreiches Seminarkabarett- Programm: „Entspannte Eltern, Glückliche Kinder“, sowie als Autor der Top- Seller „Entspannt Erziehen“, „Entspannte Eltern, Glückliche Kinder“, „Warum zappelt Philipp?“, „ADS und ADHS“, „Kinder im Tyrannenmodus“ , „Das Neue Entspannt Erziehen“.

4. Dezember 2019
https://test1.kiddycoach.at/wp-content/uploads/2019/12/Brauchen-wir-Legasthenie.jpg 426 640 Gerhard Spitzer https://www.kiddycoach.at/wp-content/uploads/2019/10/Logo-schwarz-entspannt-erziehen.png Gerhard Spitzer2019-12-04 14:37:072020-10-16 13:18:35Brauchen wir Legasthenie?

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  • Pandemie-Alarm um Zappelphilipp und Chaosprinzessin9. Juli 2020 - 15:38
  • Willkommen in Absurdistan – Eltern im Ausnahmezustand8. Juli 2020 - 14:26
  • Angst geht viral!6. April 2020 - 14:43
  • Brauchen wir Legasthenie?4. Dezember 2019 - 14:37

Bücher:

  • Kinder im Tyrannenmodus5. März 2015 - 12:22
  • ADS und ADHS5. März 2014 - 12:37
  • Das Neue Entspannt Erziehen5. März 2014 - 12:19
  • Entspannte Eltern – Glückliche Kinder5. August 2008 - 12:43
  • Warum zappelt Philipp?5. August 2008 - 12:41
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